Historisches
Labyrinthe - Einführung
Mögliche Vorstufen
Älteste Belege
Labyrinthe der Antike
Deutsche Labyrinthe
Skandinavische Trojaburgen
Rasenlabyrinthe auf den britischen Inseln
Labyrinthe des Mittelalters
Labyrinthe aus Asien
Labyrinthe aus Amerika
Moderne Labyrinthdarstellungen
Suche:




LABYRINTHE
Diavortrag von Eichfelder (Exkurs über Labyrinthe)

Eichfelder, Foto: Rolf Ochßner ...


Das Labyrinth ist eines der uranfänglichsten Rätsel unserer Kultur, seine Anfänge liegen in absoluter Dunkelheit.
Im 2.ten Jahrtausend v.Chr. begegnen wir, vorwiegend im nordwesteuropäischen Raum, Felsritzungen dieser Art, sie werden als eine mögliche Vorstufe des Labyrinths gedeutet, sicher ist das aber keineswegs

Prähistorische Felsritzung, Achnabreck
Kilmartin House Trust (David Lyons), www.scran.ac.uk


Hier sehen wir die älteste genau datierbare Version des klassischen Labyrinths, sie stammt von einem Tontäfelchen aus dem Palast von Pylos, der im Jahre 1.200 vor unserer Zeitrechnung zerstört wurde.


Tontäfelchen, Pylos, vor 1200 v. Chr.
- Archiv: Eichfelder


Das gleiche Motiv findet sich, - mal rund, mal eckig, mal als Gravur, mal als begehbares Labyrinth - überall auf dem europäischen Kontinent und bis hin nach Indien, also - genau genommen im gesamten Verbreitungsgebiet der Indoeuropäer.
Hier z.B. auf einer frühen Felsritzung aus Spanien.

Felsritzung, Galizien, Spanien, um 900 v. Chr.
Aus: Hermann Kern, Labyrinthe, Abb. 86


Und hier fast zeitgleich also etwa 900 v.Chr. (nicht gesichert) eine Felsritzung aus Indien mit absolut gleicher Linienführung.
Um 730 v. Chr. erwähnt Homer in der Ilias einen labyrinthischen Reigentanz in Zusammenhang mit Ariadne und dem Palast von Knossos .


Felsritzung, Tamil Nadu, Indien, möglich: 900 v. Chr
. - Archiv: Eichfelder


Ein interessanter Fund ist diese etrurische Vase um 620.v..Chr. aus Italien. In der äußeren Windung des dargestellten Labyrinths ist dessen Name "truia" zu lesen, die Abbildungen auf der Vase stehen vermutlich in Zusammenhang mit der Paris Sage, also der Entführung der Helena und letztendlich dem Kampf um Troja.

Weinkrug von Tragliatella, um 620 v. Chr.

Bildquelle: ZDF, Terra X Labyrinthe (2004), www.zdf.de


Erst 300 Jahre später beschreibt Kallimachos den bekannten Kampf des Theseus gegen den Minotaurus im Labyrinth von Knossos auf Kreta.
Hier sehen Sie eine der vielen Münzen von Knossos, die ab dem 4..Jh. v.Chr. das Labyrinth tragen.

Kretische Silbermünze, um 425 v. Chr.

Bildquelle: University of Arkansas, www.uark.edu


Oder hier auf einer Wandzeichnung aus Pompeji sehen wir eine Abbildung des Labyrinths mit dem Zusatz "HIC HABITAT MINOTAURUS" Hier wohnt der Minotaurus, die Zuweisung ist eindeutig und bleibt auch bis heute verbindlich: Dies ist das sagenhafte Labyrinth von Knossos.

Graffiti aus Pompeji, um 79 n. Chr.
- Archiv: Eichfelder


Dennoch steht diese Zuordnung im Widerspruch zur alten Sage, nach der Ariadne ihrem Held Theseus einen Faden gab, der ihm half, wieder aus dem Labyrinth herauszufinden.

Das Problem ist nämlich folgendes:

In dem klassischen Labyrinth, so wie es uns durch die Jahrtausende überliefert ist, kann man sich nicht verirren, das unterscheidet ein Labyrinth von dem historisch weitaus jüngeren Irrgarten, der erstmals in der Theseussage Erwähnung findet.

Bei einem Labyrinth gibt es nur einen Weg und der führt vergleichbar einer Spirale nach mehreren Umwindungen unweigerlich zum Zentrum und von dort aus ebenso wieder nach außen. Man benötigt also keinen Faden, um wieder heraus zu finden.

Der sog. Ariadnefaden hat mythologisch gesehen auch eine ganz andere Bedeutung und ist vielmehr in Verbindung mit dem Tanz zu sehen, den Theseus und die von ihm Befreiten der Sage nach auf Delos stifteten. Vermutlich ein labyrinthartiger Gruppen-Tanz, bei dem die einzelnen Tänzer durch ein Band miteinander verbunden waren.


Gruppen-Tänze dieser Art kennen wir auch aus dem europäischen Mittelalter bemerkenswerterweise unter dem Namen troja und Trojaldei.

Tänzelfest (Schlangenziehen), Kaufbeuren
Foto: Jörg Lechler, 1930


Im alten Rom zählte die Troja (troiae ludus) zu den wichtigsten Staatskulten. Bei den antiken Schriftstellern wird dies mehrfach erwähnt, am ausführlichsten von Vergil in der Äneis. Vergil beschreibt dabei einen berittenen Tanz junger Adeliger in verschlungenen Bahnen, die ihn - also Vergil - an das kretische Labyrinth erinnern. Cäsar und Augustus haben den Kult zum Gedenken ihrer trojanischen Abstammung und auch der Roms sehr gefördert.

Trotz der recht zentralen Stellung des Labyrinths in der antiken Mythologie handelt es sich dabei nicht nur um ein rein mediterranes Phänomen, wenngleich es von dort seinen Ausgang genommen haben könnte. Sicher ist das jedoch keineswegs, denn das Troja-Labyrinth findet sich auch schon sehr früh, wenn nicht sogar zeitgleich außerhalb des Einflussbereiches der Antike.

Hier sehen Sie die Zeichnung der sog. Trojeborg von Visby. Es ist eine von etwa 400 begehbaren Steinsetzungen dieser Art auf den Ostseeinseln und in Skandinavien, sie sind schwer zu datieren, die ältesten könnten (zumindest nach Meinung mancher Labyrinthforscher) durchaus bronzezeitlich sein.

Trojeborg von Visby, Gotland, undatierbar
- Archiv: Eichfelder


Ohne Zweifel spielte das Trojalabyrinth in der religiös-kultischen Vorstellungswelt des Nordens eine überaus große Rolle. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn wir in den nordischen Mythen, also u.a. auch in der Nibelungensage diesem Labyrinth wieder begegnen.

Eine derart große Anzahl von nachweisbaren Labyrinthen bleibt auf den skandinavischen Bereich beschränkt. In erster Linie dürfte dies aber damit zusammenhängen, dass das Trojalabyrinth in den meisten anderen Ländern soweit sich dies heute noch nachvollziehen lässt nicht aus langlebigen Steinen gesetzt wurde.

Schwedische Trojaburg (Steinsetzung), undatierbar
Trojeborg, Schweden (www.labyrinthos.net)


Vielmehr war es üblich das Labyrinth aus dem Rasen herauszuschneiden, ein derartiges Labyrinth besteht natürlich nur so lange, wie auch das Brauchtum an diesem Ort gepflegt wird.

Deshalb finden sich Rasenlabyrinthe nur noch vereinzelt, z.B. dieses hier in Sommerton, England mit dem aufschlussreichen Namen troytown andere englische Labyrinthe tragen die Namen Walls of Troy also Mauern von Troja oder Caerdroia also Burg Troja.

Rasenlabyrinth, Sommerton, England, undatierbar
Foto: Marilyn Clark, www.indigogroup.co.uk/edge/Mazes.htm


Hier eine Zeichnung des Schlangengangs von Steigra, womit wir zu den wenigen deutschen Rasen-Labyrinthen kommen.


Der Schlangengang von Steigra, im Hintergrund ein Hügelgrab
Foto: Erwin Reißmann, www.mymaze.de
Zeichnung: 
Archiv Eichfelder


Bis noch vor etwa 50 Jahren wurde dieses Labyrinth alljährlich von den Konfirmanden aus dem Rasen gestochen, heute übernimmt dies eine beauftragte Gärtnerei.
Interessanterweise findet in Steigra jedes Jahr ein Georgspiel - mit Drachentötung - statt, die Tradition ist allerdings sehr jung, alt hingegen ist die Georgkapelle vor Ort.

In Bulgarien lässt sich diese Tradition noch bis in das letzte Jahrhundert nachweisen, dort wird am St. Georgs Tag (23. April) der siegreiche Drachenkampf und die damit verbundene Jungfernbefreiung des Heiligen feierlich begangen. Die alten serbischen Festlieder verlegen den Schauplatz des Kampfes vor die "Mauern von Troja". Den hierbei getanzten (verschlungenen) Reigen bezeichnet Rosen (Bulgarische Volksdichtungen, 1879) sogar als das "Überbleibsel eines vorchristlichen Gottesdienstes".

Die Stadt Graitschen führt noch heute die Trojaburg in ihrem Wappen. Belegt sind derartige Labyrinthe auch für Eberswalde, Hannover, Stolp, Kaufbeuren etc ...
Sie waren zu einer bestimmten Zeit sicherlich so zahlreich wie heutzutage die Kirchen.

Siegel der Stadt Graitschen
- Archiv: Eichfelder

Keine Seltenheit ist es übrigens, dass gerade die Kirche sich für den Labyrinthgedanken natürlich christlich interpretiert geöffnet hat.

Hier sehen wir z.B. eine mittelalterliche Handschriftenillustration, in der Art, wie sie seit dem 9.Jh. üblich waren, jene hier entstammt dem 12.Jh. und erinnert noch stark an die klassische Form

"Jericho" Buchmalerei, Regensburg, 12. Jh.
Bayrische Staatsbibliothek, München


Weiter modifiziert und gereift trifft man insbesondere in französischen Kathedralen auf Bodenlabyrinthe. Eines der schönsten Beispiele befindet sich in der Kathedrale von Chartres. Ein Gang durch das Labyrinth, natürlich gefüllt mit Gebeten galt als kleiner Ersatz für eine "Reise nach Jerusalem".

Kirchenlabyrinth von Chartres, um 1260.
Foto: Sonja Halliday Photographs


Von der französischen Stadt Auxerre ist überliefert, dass zur Osterpilota die Kanoniker vor der Vesper zu Orgelspiel und Gesang in ihrem Labyrinth tanzten und sich dabei Bälle zuwarfen.
Hierbei handelt es sich natürlich um eine sehr späte Ausprägung eines bereits in Vergessenheit geratenen Kultes

Der ursprüngliche Zweck dieser Anlagen ist unbekannt, offensichtlich diente er der Ausübung ritueller Handlungen und steht, ebenso wie der Rosengarten und die Linde in unmittelbarem Zusammenhang mit Todes-, Initiations- und Rechtsbräuchen. Dies wird in erster Linie auch durch die häufige Nähe des Labyrinths zu Grabanlagen deutlich (Steigra, Tibble etc.).

Graffiti, Kirche von Räntmaki bei Abo, Finnland, 15. Jh.
Aus: Hermann Kern, Labyrinthe, Abb 595


Auf einen mit dem Labyrinth verbundenen Fruchtbarkeitsritus deuten u.a. die beiden kopulierenden Paare auf dem Krug von Tragliatella (8. Jh. v. Chr.) sowie die Bezeichnung mancher Labyrinthe im Norden als "Jungfrudans".