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HEROS TOD

Erinnerungen an ein kultisches Tötungsspiel


Siegfrieds Tod, Hundeshagen-Handschrift, 15 Jh. ..

In verschiedenen Versionen der Nibelungensage wird der Tod Siegfrieds (Sigurds) durch einen Tiertraum Kriemhilds vorweggenommen. Das Nibelungenlied beginnt sogar - nach der Vorstellung der handelnden Personen - mit Kriemhilds Falkentraum:

In diesen hohen Ehren träumte Kriemhilden,
wie sie zöge einen Falken, einen starken schönen wilden,
den ihr zwei Aare erkrallten: Da sie das musste sehn,
ihr konnt auf dieser Welt kein größer Leid geschehen.

In der nordischen Völsungensaga träumt Gudrun (Kriemhild) hingegen von einem goldenen Hirsch, den sie vor allen anderen gewann und welcher von Brynhild mit einem Pfeilschuss erlegt wurde.
Ein ähnliches Motiv begegnet uns auch in der griechischen Mythologie, dort tötet Artemis, die Jagdgöttin - ebenfalls mit einem Pfeilschuss - den mit Hirschattributen ausgestatteten Aktaion.

Es deutet vieles darauf hin, dass unser Held, bevor er aufgrund der Rivalität zweier Frauen sterben musste, Teil eines kultischen Tötungsspiels war. Dieses recht zentrale Element gehört - insbesondere dann, wenn es im Zusammenhang mit Hirschattributen auftritt - sicherlich zu den ältesten und tiefsten Schichten der Nibelungensage.

Aktaion verwandelt sich in einen Hirsch (griech. Mythologie)
Artemis und Aktaion, Hendrik van Balen (1575-1632)


Aus der Brauchtumsforschung, aber auch aus unendlich vielen Sagen und Märchen, erschließt sich ein Kultspiel, welches wahrscheinlich nicht unbedingt indoeuropäischen Ursprungs ist.
Hierbei wird ein mit Hirschattributen maskierter Mann im Rahmen einer wilden Jagd (fiktiv?) erlegt, wobei der Verfolgte keine Chance zum Entkommen hat.
Nun wird Siegfried im Nibelungenlied als "Jagdwild" bezeichnet.
Gunther beglückwünscht in der Thidrekssaga Hagen nach vollbrachter Tat als "guten Jäger", ebenso tut dies Brünhild.
Aber auch an anderen, nicht weniger wichtigen Stellen der Sage um den Drachentöter finden wir seine Nähe zur Hirschsymbolik.
Aus der Zeit nach 1100 sind zwei gewebte Bildstreifen aus Gotland erhalten, die Sigurd (?) einmal als Drachentöter, ein anderes Mal mit Hirschen darstellen.
Die Völsungensaga berichtet von einer Hirschkuh, die Sigurd gesäugt und aufgezogen hat. Die Edda beschreibt, wie er nach dem Kampf mit dem Lindwurm die schlafende Jungfrau auf dem von einem Feuerring umgebenen Hindins-Felsen (Hirschkuh-Felsen) erweckt etc.
Solche so genannte "blinde Motive", die Siegfrieds Hirsch-Sympathie ausdrücken, sind sehr zahlreich und weit verbreitet.

Hirschspiele wurden vermutlich von auserwählten Maskenträgern ausgeführt und stehen in Zusammenhang mit einem gallo-romanischen Hirschgott, der uns unter dem Namen Cernunos ("der Gehörnte") bekannt ist.
Es handelt sich dabei zum einen um das erotische Spiel zwischen Hirsch und Hindin, zum anderen um ein Tötungsspiel, die Hirschjagd.

Darstellung des Cernunnos
Gundestrup-Kessel (Detail), 1. Jh. v. Chr.


Diese Praktiken gehen auf Traditionen zurück, die offenbar aus ältesten Zeiten stammen. Cernunos selbst wurde über weite Gebiete Europas verehrt und hatte sicher tausend Namen, ein Gott aus einer anderen Zeit - wohl auch für gallo-romanische Verhältnisse.

Noch bis zum heutigen Tag wird alljährlich in Staffordshire (England) der sog. "Horn-dance" abgehalten, dass die dabei getragenen Geweihe nebst einem Pfeil und Bogen in der Kirche aufbewahrt werden deutet auf den rituellen Charakter dieser Zeremonie.

Horn Dance in Abbots Bromley
Foto: Benjamin Stone (1838-1914)


Von Seeland wissen wir, dass zu Fastnacht ein mit Geweih und Pelz als Hirsch verkleideter Mann durch die Felder gejagt und dann fiktiv erschossen wurde.
Eine ähnliche Geschichte ist uns von Snorri Sturluson aus dem 13. Jhd. überliefert, der Gejagte heißt dort Sigurd Hirsch (ein angeblicher Nachfahre von Sigurd dem Drachentöter), der Schütze ist Haki. Sigurd Hirsch wird erlegt und Haki verliert eine Hand.

Hier nähern wir uns auf deutliche Weise wieder der Nibelungensage. Im Nibelungenlied ist es Hagen, der Siegfried im Rahmen einer Jagd ermordet (im Epos selbst ist die Mordwaffe ein Speer, die Miniatur der Hundeshagen-Handschrift (s.o.) zeigt allerdings Pfeil und Bogen).
Die verlorene Hand findet ihre Entsprechung sowohl im Waltarius als auch im Laurin.

An Snorris Geschichte erinnert ein alter Brauch, der bis zur Gegenwart in dem belgischen Städtchen Rousson durchgeführt wird, bei dem ein Räuber namens "Hacco" mit einer Schar von berittenen Gefolgsleuten einen jungen "Pilger" verfolgt. Der Gejagte wird schließlich mit einem Pfeilschuss (natürlich symbolisch) getötet.

Solche Spiele, insbesondere die Verwandlung in einen Hirsch, bzw. die Maskierung als Hirsch in Verbindung mit dem Kulttanz, müssen noch bis ins Spätmittelalter weit verbreitet gewesen sein. Dies wird unter anderem in vielen kirchlichen Verboten dokumentiert.
Mit etwas Phantasie hätte man hiermit schon das Grundmodell unserer Sage vorliegen, doch so einfach ist es natürlich nicht. Das Hirschspiel können wir nur erahnen, es ist vermutlich so alt, wie die Menschheit und entwickelte sich in unvorstellbar vielen Variationen.