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NIBELUNGEN
LIED

& DIE SUCHE NACH DEM MYTHOS

Nibelungenlied, Anfangsinitiale Handschrift C, 13. Jh. .

Das Nibelungenlied stellt zweifellos einer der Höhepunkte der mittelhochdeutschen Literatur dar.
Die zahlreichen Abschriften des um 1200 entstandenen Epos belegen, zumindest während dem
13. Jh., seine Beliebtheit an den deutschen Fürstenhäusern.
Auf der Suche nach den mythischen Ursprüngen der Nibelungensage ist das Lied selbst aber eine sehr undankbare Quelle.
Das Nibelungenlied baut inhaltlich auf einen älteren Erzählkern, den der Dichter beim Publikum als bekannt voraussetzt und deshalb nur stichpunktartig erwähnt. Die Motivation hierfür mag zum einen darin liegen, dass der Autor eine zeitgemäße Version der Sage formulieren wollte, zum anderen aber sicherlich in der Unvereinbarkeit des alten heidnischen Sagenstoffes mit der in Zentraleuropa erstarkten christlichen Lehre.
Die seiner Zeit weitaus bekanntere Sage wurde in ein höfisch-christliches Gewand gekleidet. Heidnische und unverstandene Passagen hat der Dichter soweit es ihm möglich war eliminiert, umgedeutet oder zumindest stark verkürzt.
Besonders auffällig geschieht dies z.B. beim Drachenkampf, einem der zentralen Elemente der ursprünglichen Siegfriedsagen.
In der dritten Aventüre des Nibelungenliedes ("Wie Siegfried nach Worms kam") berichtet Hagen dem König Gunther von den Taten des jungen Helden, vom Erwerb des Nibelungenhortes und sehr knapp vom Drachenkampf:

Noch eine Mär weiß ich, die ist mir wohl bekannt:
Einen Linddrachen erschlug des Helden Hand
dann badet er in dem Blute. So ward dem Recken wert
die Haut von solcher Härte, dass keine Waffe sie versehrt

In dieser kurzen Passage gipfelt die Auseinandersetzung des Dichters mit den mythischen Seiten unseres Protagonisten. Fortan entwickelt er - nach dem Vorbild französischer Epen - ein hoffähiges und relativ neues Siegfriedbild.
Die Motivation für Siegfrieds Reise nach Worms war Kriemhild, die er mitsamt dem Burgunden-Reichs zu erobern gedachte. Dennoch kam er nicht mit einer großen Heerschar sondern wurde von lediglich zwölf auserwählten Rittern begleitet. Hierbei handelt es sich um ein sehr altes Motiv. Diesem sog. Zwölfkampf begegnen wir auch in anderen Heldenliedern, wie z.B. im Beowulf, im Waltharius und im Rosengartenlied.
Der Dichter des Nibelungenlieds erwähnt nicht, dass Siegfried bereits einer anderen Frau, nämlich Brunhild ewige Treue geschworen hatte.

Die nordische Überlieferung umgeht diese Unstimmigkeit mittels eines Vergessenheitstrunks, den Sigurd bei seiner Ankunft zu sich nimmt.
Siegfried (Sigurd) möchte nun um Kriemhild (Gudrun) werben, ihr Bruder, König Gunther (Gunnar) jedoch fordert von Siegfried im Gegenzug dafür Unterstützung bei der Werbung um Brunhild (Brynhild), die natürlich dachte Siegfried wäre der Brautwerber.


Sigurd trinkt zur Begrüßung den Vergessenheitstrank (Edda)
Zeichnung von Arthur Rackham, 1912


Die nordische Überlieferung lässt Gunnar (Gunther), der selbst nicht in der Lage wäre, den Feuerring (die Waberlohe) zu durchreiten mit Sigurd (Siegfried) die Gestalt tauschen und dadurch täuschen beide Brynhild.
Im Nibelungenlied finden wir an Stelle der Waberlohe die Kampfspiele auf Island. Auch hier verhilft Siegfried Gunther unerkannt mit Hilfe der Tarnkappe, Brunhild zu gewinnen.

Siegfried und Brunhild gelten aufgrund ihrer Attribute als einander entsprechende Repräsentanten einer a-höfischen Welt. Siegfrieds Verrat an der alten Ordnung motiviert den Untergang dieser Gesellschaftsform und die Rache der entmachteten Königin/Frau. Classen (IASdL/1991) sieht hierin die literarische Reminiszenz der Apokalypse des Matriarchats.
Dass man etwa um 1000 n.Chr. noch eine Vorstellung vom "Matriarchat" hatte, wird durch viele Edda-Stellen belegt. In den Mythen dieser Schicht, ist der Tod des Heros zyklisch bedingt und nicht durch Verrat motiviert.

KRIEMHILD & BRUNHILD

Auf den ersten Blick wirken Kriemhild und Brunhild, nach der Schilderung im Nibelungenlied, wie zwei völlig unterschiedliche Personen.
Obwohl sie an Schönheit einander gleich kommen, wird Kriemhild als fügsam, bescheiden und "blond" charakterisiert, Brunhild hingegen als dunkel, stolz und eigenwillig. Doch dies scheint wirklich nur auf den ersten Blick so zu sein. Im zweiten Teil des Liedes spielt Brunhild nicht mehr mit und Kriemhild übernimmt - nach Siegfrieds Tod - die Attribute ihrer Gegenspielerin. Nun ist es Kriemhild, die nach Rache dürstet und ihrem Namen (abgeleitet von grimmiger Hild) alle Ehre erweist.
Der Streit der Königinnen ist das Kernstück des Nibelungenliedes. In der Erinnerung der Menschen des Hoch- und Spätmittelalters war dieser Streit jedoch nicht verankert.

Wenn jemand im späten 13.Jh. von Kriemhild sprach, meinte er damit die schöne und stolze Königin des Rosengartenliedes.
Die Darstellung Kriemhilds im Nibelungenlied konnte sich nicht durchsetzen. Brunhild wurde im Rheinland sogar fast gänzlich vergessen. Demzufolge kennen wir auch keinen Königinnenstreit in der deutschen Nibelungentradition der nachfolgenden Jahrhunderte
.

Streit der Königinnen vor dem Wormser Dom
Wandbild von F. Kirbach, Schloss Drachenburg, um 1904


Vermutlich hatte das Nibelungenlied eine starke Konkurrenz seitens der mündlichen Überlieferungstradition, die massiv im Volksbewusstsein verankert war. Es muss sehr viele unterschiedliche und zum Teil recht rudimentäre Lieder um diesen Sagenstoff gegeben haben. Analog zum mythischen Schema bleiben die Hauptelemente: Initiation (Lehre beim Schmied), Kampf mit dem Drachen und Erlösung der Jungfrau, eine zweite Frau kommt hier nicht vor.

Vergleichen wir die nordische Sage mit der rheinischen, können wir sehen, dass die Personen Kriemhild und Brynhild austauschbar sind. Die nordische Edda beschreibt, wie Sigurd nach dem Kampf mit dem Drachen Brynhild erlöst. Im deutschen Seyfridlied hingegen ist es Kriemhild, die Seyfrid nach dem Drachenkampf befreit. Brunhild bleibt unerwähnt. Ebenso im Rosengartenlied, nach dem Zwölfkampf (symbolkundlich einem Drachenkampf vergleichbar) wird Kriemhild allegorisch durch einen Kuss erobert.
In der ursprünglichen Sage bzw. einem der Sage zu Grunde liegenden Kult dürfte es demnach höchstwahrscheinlich nur eine Königin gegeben haben und deshalb auch keinen Königinnenstreit.
Das Motiv des Königinnenstreites stammt vermutlich aus einer anderen (historischen) Schicht.

Im 6. Jhd. herrschte die Merowingerkönigin Brunichildis in Worms. Sie lieferte sich mit ihrer Erzrivalin Fredegunde (von Neustrien) einen erbitterten Blutrachekrieg um die Vorherrschaft im Reich. Brunichildis wurde schließlich in hohem Alter gefangen genommen und grausam hingerichtet. Die historische Brunichildis erklärt aber keineswegs alle Facetten der sagenhaften Brynhild.

Hinrichtung der Königin Brunichildis im Jahr 613
Buchillustration des 15. Jh, Musée Condée in Chantilly


Nach dem Streit der Königinnen vor dem Wormser Domportal wendet sich die Geschichte. Die nordische Überlieferung (Edda und Völsungensaga) kennt ebenfalls diesen Streit der mächtigen und schönen Frauen, dort ist der Schauplatz des Geschehens aber ein Fluss; die Königinnen waschen sich. Gudrun (Kriemhild) lässt sich dabei oberhalb von Brynhild (Brunhild) nieder und nimmt sich so ungefragt das Recht der Höheren heraus. Der weitere Verlauf der Geschichte ist wieder dem, des uns bekannteren Nibelungenliedes vergleichbar. Es kommt zum Streit um die Rangfolge und Gudrun (Kriemhild) triumphiert mit dem Nibelungen Ring. Brunhild erkennt den Verrat an ihr und fordert daraufhin Vergeltung.

An dieser Stelle endet im Nibelungenlied die tragende Rolle Brunhilds, danach wird sie so gut wie nicht mehr erwähnt. Der Dichter vergisst die unwirkliche Königin ab dem Moment, wo er auf sie verzichten kann.
Die Edda schildert Brynhilds Abgang weitaus dramatischer. Nachdem sie mit Genugtuung von dem Tod Sigurds (Siegfrieds) erfahren hat, macht sie noch einige Prophezeiungen über den Untergang der Nibelungen, gibt detaillierte Anweisungen wie sie mit Sigurd (Seite an Seite) bestattet werden möchte und stirbt (Völsungensaga):

"Nun ward Sigurds Leiche nach altem heidnischen Brauch bestattet ...
und als der Scheiterhaufen hell in Flammen stand, da bestieg ihn Brynhild ...
und verbrannte mit Sigurd - also endete beider Leben."


Der Text der Handschrift A, B, C und N des Nibelungenliedes zum Download
Transkription von Hermann Reichert, Institut für Germanistik, Universität Wien
(inkl. Fußnoten und Erklärung der verwendeten Zeichen als Textdatei bzw. Worddokument)

Die Nibelungenlied Handschrift C - DIGITAL
Das Faksimile der Handschrift C - mit Kommentaren und einer gesprochenen Fassung
von Lothar Voetz. Zur Verfügung gestellt durch die Badische Landesbibliothek Karlsruhe

Die ältere und jüngere Edda
übersetzt und mit Erläuterungen von Karl Simrock, Stuttgart, 1878

Nibelungenlied - Inhaltsangabe & Stoffgeschichte von Stephanie Junkers