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SEYFRIDLIED
DAS LIED VOM HÜRNEN SEYFRID






Inhalt
II.
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Wie Kriemhild von einem Drachen entführt ward.

.
16.

Es liegt eine Stadt am Rheine, Die Worms geheißen ist:
Der König Gibich herrschte Dort in der Stadt zur Frist.
Von seiner Herrin hat er Drei Söhne adelig
Und dazu eine Tochter, Um die manch Held erblich.

17.

Der jungen Königssöhne Schwester, die war schön.
Sie tät an einem Mittag Am offnen Fenster stehn;
Da flog ein wilder Drache Jäh durch die Luft heran
Und führt in schnellem Fluge Die schöne Maid hindann.

18.

Die Burg ward hell erleuchtet, Als würde sie verbrannt,
Als so das Ungeheuer Mit dem Jungfräulein verschwand.
Er schwang sich in die Lüfte Hoch ins Gewölk hinein.
Die Eltern standen beide Und mußten traurig sein.

19.

Er trug sie ins Gebirge Auf einen hohen Stein,
Der eine Viertelmeile Weit warf den Schatten sein.
Die Maid um ihre Schöne Dem Drachen am Herzen lag;
An Essen und an Trinken Ihr nichts bei ihm gebrach.

20.

Er hielt sie auf dem Steine Bis in das vierte Jahr.
Sie sah dort keinen Menschen, Das glaubet mir fürwahr,
Sie war auch oft alleine Zwölf Wochen oder mehr
Und mußte täglich weinen: Ihr Elend war so schwer.

21.

Sein Haupt der Drache legte Der Jungfrau in den Schoß;
Und doch war seine Stärke Ohn alle Maßen groß:
Wenn er den Atem ausließ Und wieder an sich zog,
So mußt der Fels erzittern Unter dem Drachen hoch.

22.

An einem Ostertage Der Drache ward ein Mann.
Da sprach die reine Jungfrau: "Wie schlecht habt ihr getan,
O Herr, an meinem Vater Und an der Mutter mein,
Daß nun in Leid und Jammer Die Königin muß sein.

23.

"O weh, viel lieber Herre, Schon manchen Tag ist's her,
Daß Vater ich und Mutter Mit Augen sah nicht mehr
Und auch die lieben Brüder; Könnt es mit Fug geschehn,
So wollt ich euch fein danken, Dürft ich sie wiedersehn.

24.

"Wollt ihr nach Haus mich lassen Und führen wieder heim,
Mein Haupt setz ich zum Pfande, Ich kehr zurück zum Stein.
Gewährt es, edler Herre, Gewährt's, beim höchsten Gott,
So will ich immer gerne Erfüllen eu'r Gebot."

25.

Da sprach das Ungeheuer Zur Jungfrau also hehr:
"Deinen Vater, deine Mutter Erblickst du nimmermehr.
Du sollst kein lebend Wesen In Zukunft wiedersehn,
Mit Leib und Seele sollst du Zur Höll hernieder gehn.

26.

"Du schönes Mägdlein brauchst dich Zu schämen nicht von mir,
Den Leib und auch dein Leben Will ich nicht nehmen dir;
Von heut ab in fünf Jahren Werd ich zu einem Mann,
Dann nehm ich dir dein Magdtum, Du Jungfrau wohlgetan.

27.

"So mußt du meiner harren Fünf Jahr und einen Tag
Und dann zur Fraue werden, Wenn ich es fügen mag:
Dann mußt mit Leib und Seele Du zu der Höllen Grund.
Dem König, dessen Tochter Du bist, mach ich's noch kund.

28.

"Was ich dir hier nun sage, Das ist wahrhaftig wahr:
Ein Tag ist in der Hölle So lang wie hier ein Jahr;
Da mußt du drin verbleiben Bis an den Jüngsten Tag;
Will Gott sich dein erbarmen, Das tu er, wenn er mag."

29.

"Mein Lebtag hört ich sagen, Gewaltger Jesu Christ,
Daß du gewaltig wärest Über alles, was da ist
Im Himmel und auf Erden Und über jedes Ding;
Ein Wort zerbrach die Hölle, Das aus deinem Munde ging.

30.

""O reine Magd Maria, Du Himmelskaiserin,
Ich armes Mägdlein gebe Mich deiner Gnade hin.
Von dir die Bücher sagen, Du tugendreine Frau,
Hilf mir von den Steine, Auf dich ich fest vertrau.

31.

"O wüßten meine Brüder Mich auf dem hohlen Stein
Und gält es auch ihr Leben Sie brächten mich wieder heim,
Dazu mein lieber Vater: Sie hülfen mir aus Not."
Sie weint aus ihren Augen Täglich das Blut so rot.


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