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SEYFRIDLIED
DAS LIED VOM HÜRNEN SEYFRID






Inhalt
III.
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Wie Seyfrid den Zwerg Eugel fand.


32.

Der König Boten sandte Umher in alles Land
Nach seiner schönen Tochter, Ob sie denn keiner fand.
Das war der größte Jammer Wohl in der weiten Welt,
Bis daß sie von dem Steine Erlöst ein kühner Held.

33.

Nun war zu diesen Zeiten Ein Jüngling stolz und kühn,
Sproß eines reichen Königs: Seyfrid hieß man ihn;
Der trug so große Stärke, Daß er die Löwen fing
Und sie dann zum Gespötte Hoch an die Bäume hing.

34.

Und als derselbe Seyfrid Erwuchs zu einem Mann,
Wollt er an einem Morgen Früh jagen in dem Tann
Mit Habicht und mit Hunden, Der stolze, kühne Mann;
Den starken Hunden hätt er Verleidet fast den Tann.

35.

Weit lief der Bracken einer Voraus ihm in den Tann:
Ihm sprengte nach Herr Seyfrid, Der wunderkühne Mann,
Auf eine Spur gar seltsam, auf der der Drache fuhr
Mit ihr, der edlen Jungfrau: die Bracken hielten Spur.

36.

Seyfrid ritt nach den Hunden Bis an den vierten Tag
Und Essens oder Trinkens, Und auch nicht der Ruhe pflag.
Er kam am vierten Morgen Ins Hochgebirg hinein:
Seyfrid war unverdrossen Und folgte hinterdrein.

37.

Er war da rein verirret In diesem finstern Wald,
Die Straßen und die Stege Hatt er verloren bald.
Er sprach: "O reicher Herrgott, Wo wagt ich mich hinein?"
Nicht wußt er, daß er tröste Das edle Mägdelein.

38.

Gefochten hatte Seyfrid Kühn all das Leben sein,
Drum dienten ihm gar gerne Fünftausend Zwergelein.
Dem werten Degen gaben Sie willig hin ihr Gut:
Einen Wurm hatt er erschlagen, Der sie gequält aufs Blut.

39.

Da kam der liebe Seyfrid Vor den Drachenstein zu stehn,
Er hatte solche Felswand Sein Lebtag nicht gesehn.
Müd und matt geworden Waren Roß und Mann:
Da sprang der kühne Degen Vorm Stein vom Roß hindann.

40.

Vernehmet gern die Märe, Was er gesprochen da,
Als sich der kühne Seyfrid Dort vor dem Steine sah:
"O reicher Gott vom Himmel, Wer wies die Wege mir?
Satan hat mich betrogen! Welch Wunder seh ich hier?"

41.

Wie schnell ward es um Seyfrid Dunkel dort im Wald!
Die Bracken nahm der Degen An seine Arme bald.
"Es wolle Gott im Himmel," So sprach der Degen hehr,
"Sonst komm ich aus des Waldes Dunkel nimmermehr."

42.

Er ging zu seinem Rosse, Zu reiten schnell hindann;
Da sah er zu ihm jagen Her durch den finstren Tann
Ein Zwerglein, das hieß Eugel; Sein Roß war schwarz wie Nacht,
Sein Seidenkleid, beschlagen Mit Goldes reicher Pracht.

43.

Er trug an seinem Leibe Viel Zobelborten zier
Und herrliches Geschmeide: So ist berichtet mir.
Wär noch so reich ein König, Die Pracht hätt ihn beglückt,
Und sicher hätt in Ehren Er sich damit geschmückt.

44.

Auf seinem Haupte trug er Eine Krone reicher Art,
Dergleichen hier auf Erden Noch nie gesehen ward;
Es strahlt in seiner Krone So mancher Edelstein,
Daß nie so schön auf Erden Möchte eine Krone sein.

45.

Da sprach das Zwerglein Eugel, Als er den Helden sah,
Gern mögt ihr nun wohl hören, Wie seine Rede geschah,
Und empfing mit Zucht und Tugend Den auserwählten Mann;
Es sprach: "Nun sagt mit, Herre, Was bringt euch in den Tann?"

46.

"Nun dank dir Gott, " sprach Seyfrid, "Herzinnig kleiner Mann,
Denn deine Treu und Tugend Mir trefflich nützen kann:
Nun sprich, da du mich kennest, Wie hieß der Vater mein?
Ich bitte, daß du nennest Ihn und mein Mütterlein."

47.

Seyfrid der Degen hatte Verlebt manch Lebensjahr
Und wußt in keiner Weise, Wer Vater und Mutter war:
Sehr früh ward er versendet In einen finstren Tann,
Darin ihn zog ein Meister, Bis er erwuchs zum Mann.

48.

Wohl zwanzig starker Männer Stärk er dort gewann.
Da sprach zu ihm das Zwerglein: "Das sei dir kundgetan!
Deine Mutter hieß Sieglinde, Von hohem Adel war,
Dein Vater König Siegmund, Dem sie das Kind gebar.

49.

"Von hinnen sollst du kehren, Seyfrid, du werter Mann,
Und tust du's nicht beizeiten, Setzt du dein Leben dran.
Ein grimmer Drache hauset Auf diesem Steine hier,
Und wenn er dein gewahr wird, So geht's ans Leben dir.

50.

"Auch wohnt auf diesem Steine Das schöne Mägdelein,
Das sollst du sicher wissen, Das laß gesagt dir sein.
Sie ist von Christenleuten Eines Königs Tochter hehr;
Will Gott sich nicht erbarmen, Erlöst sie niemand mehr.

51.

"Ihr Vater heißet Gibich Und sitzet an dem Rhein,
Kriemhilde heißt die Kön'gin Und ist die Tochter sein."
Da sprach Seyfrid, der kühne: "Die ist mir wohl bekannt;
Wir waren hold einander In ihres Vaters Land."

52.

Als so Seyfrid, der kühne, Die Märe recht vernahm,
Stieß er das Schwert in die Erde Und zu dem Steine kam;
Darauf schwur er drei Eide, Der auserwählte Mann,
Er käme nicht von dannen, Eh er nicht die Maid gewann.

53.

Da sprach das Zwerglein Eugel: "Seyfrid, du kühner Mann,
Laß ab von dem Beginnen, Vergebens ist dein Plan;
Und schwurest du drei Eide, Daß du gewinnst die Maid,
So laß mich ziehn von dannen Aus des Waldes Einsamkeit.

54.

"Ja, hättest du bezwungen Das halbe Teil der Welt,
Daß zweiundsiebzig Zungen Dir dienstbereit, du Held,
Daß Christen dir und Heiden Müßten untertänig sein,
Du müßtest dennoch lassen Die Schöne auf dem Stein."

55.

Da sprach Seyfrid behende: "Nicht doch, du kleiner Mann,
Hier deine Treu und Tugend Ich nicht entbehren kann;
Heil du mir hier gewinnen Das schöne Mägdelein,
Sonst schlag ich samt dem Haupte Dir ab die Krone dein."

56.

"Verlör ich denn mein Leben Hier um die schöne Maid,
So entgält ich meiner Treue; Ich sag's bei meinem Eid:
Nur Gott allein, dem alle Dinge untertan,
Sonst, sag ich dir, kein Wesen Der Welt dir helfen kann."

57.

Da wird der kühne Seyfrid So zornig und ergrimmt,
Daß er das kleine Zwerglein, Bei seinem Schopfe nimmt;
Er schlägt mit Leibeskräften Ihn an die Felsenwand,
Daß ihm die reiche Krone Zerstückt fällt in den Sand.

58.

Der sprach: "Nun laß dein Zürnen, Du tugendhafter Mann!
Gern will ich, edler Seyfrid, Dir raten, was ich kann;
Ich will mit ganzen Treuen Dich weisen auf die Spur."
"Das danke dir der Teufel, Tust du's gezwungen nur!"

59.

Der sprach: "Hier ist gesessen Ein Riese, Kuperan,
Dem ist auf tausend Rasten Das Gefilde untertan.
Derselbe hat den Schlüssel, Der aufschließt diesen Stein."
"Den zeige mir," sprach Seyfrid, "Zum Heil dem Mägdelein!"

60.

"Den sollst du mir hier zeigen, Ist lieb dein Leben dir."
Da sprach das edle Zwerglein: "Bald mußt du fechten hier
Um dieses Weib so mächtig, Wie niemals focht ein Mann."
"Ich freu mich des," sprach Seyfrid, "Was du mir kündigst an."
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