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SEYFRIDLIED
DAS LIED VOM HÜRNEN SEYFRID






Inhalt
IV.
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Wie Seyfrid den Riesen Kuperan bestand


61.

Da wies der Zwerg Herrn Seyfrid Am Berghang weiter vor,
Bis daß er an der Felswand Stand vor des Riesen Tor.
Da rief hinein Herr Seyfrid Wohl in des Riesen Haus
Und heischte frohen Mutes Den Riesen zu sich heraus.

62.

Da sprang der ungetreue Schnell vor die Felsenwand
Mit einer Eisenstang; Die trug er in der Hand.
"Was hat dich hergetragen, Du junges Knäbelein?
Es soll in diesem Walde Gar bald dein Ende sein!

63.

"Mein Wort ich dir verpfände, Du duldest Todes Not."
Da sprach Seyfrid der Degen: "Hilfreich ist unser Gott.
Woll er mir Hilfe bringen, Seine Macht und Stärke leihn,
Daß du mir müssest geben Das schöne Jungfräulein.

64.

"Wie müssen Zeter schreien Und Mord stehts über dich,
Daß du die Maid einschließest So einsam und jämmerlich
In diesem hohen Steine, Wo sie in schwerer Pein
Mehr als vier ganze Jahre Schon muß gelegen sein."

65.

Da ward dem Ungetreuen Von Grimm erfüllt der Mut,
Er schlug mit seiner Stange Nach Seyfrid voller Wut;
Von seiner Stange Länge Das Wunder da geschah,
Daß man mehr als die Hälfte In der Bäume Wipfeln sah.

66.

Kuperan zu vielen Schlägen Die Eisenstange schwang,
Daß sie wohl eine Klafter Tief in die Erde drang.
Nun führt er gegen Seyfrid Einen Schlag mit großer Macht;
Seyfrid sprang fünf Klafter Rückwärts mit Bedacht.

67.

Gleich sprang fünf Klafter wieder Vor der kühne Mann,
Indem mit Bücken hochhob Die Stange Kuperan,
Und schlug dem viele Wunden, Daß gleich ein Blutstrom rann;
Es schlug so tiefe Wunden Auf Erden nie ein Mann.

68.

Auf sprang der Ungeheure Und lief den Herrn Seyfrid an
Mit seiner Eisenstange Und drohend zu ihm begann:
"Dein Leben hast verloren Du in kurzer Frist!"
Da sprach zu ihm Herr Seyfrid "Wenn's Gottes Wille ist!"

69.

Und als der Ungetreue Die Wunden nun empfand,
Ließ er die Stange fallen Und floh zur Felsenwand.
Da hätt ihn wohl Herr Seyfrid Gebracht in Todespein,
Doch dacht er an die Jungfrau, Die mußte gefangen sein.

70.

Kuperan verband die Wunden Und wappnete sich gleich
Mit einer guten Brünne, die köstlich war und reich,
Von eitel klarem Golde, Getränkt in Drachenblut.
Kein Panzer, außer Ortnits Brünne, war so gut.

71.

Ein gutes Schwert der Riese An seine Seite band,
Nach seiner Läng und Stärke Gemacht und seiner Hand.
So trefflich war die Schneide, man gäbe drum ein Land;
Kein Mann, zog er's im Streite, Lebend vor ihm bestand.

72.

Dann auf das Haupt er setzte Einen Helm von hartem Stahl,
Der glänzte wie im Meere Weithin der Sonne Strahl.
Den Schild nahm er zuhanden, Der wie ein Stalltor war,
Von eines Schuhes Dicke, Das glaubet mir fürwahr.

73.

So sprang der Ungeheure Her aus der Felsenwand,
Ein andre Eisenstange Hatt er in seiner Hand,
Die schnitt an den vier Kanten, Wie kein Messer schneiden kann,
Und klang so hell, als hörte Vom Turm die Glocken man.

74.

Da sprach der Ungeheure: "Sag an, du kleiner Mann
Daß dich der Teufel hole, Was hatt ich dir getan,
Daß du mich wolltest morden In meinem eignen Haus?"
"Das lügst du," sprach Herr Seyfrid, "Ich rief dich doch heraus!"

75.

Da sprach der starke Riese: "Du seiest mir verflucht!
Ich will's dir wohl vergelten, Daß du mich aufgesucht.
Für dich wär es wohl besser, Wenn du es ließest sein.
Nun mußt du hangen lernen Hier um den Frevel dein."

76.

"Das soll dir Gott verbieten, Du Bösewicht tugendleer,
Ich kam um Henkens willen Wahrhaftig nicht hierher.
Ich will durch dich gewinnen Die Maid hier von dem Stein,
Sonst sag ich dir wahrhaftig, Dein Leben wird dir klein!"

77.

Da sprach der Ungeheure: "Ich sag es ohne Streit,
Daß ich dir nimmer helfe Gewinnen diese Maid;
Ich weiß dich wohl zu hindern, Du kennst nicht meinen Mut,
Daß nie dich soll gelüsten Nach einer Jungfrau gut!

78.

"Darum künd ich dir Fehde Für heut und alle Zeit!"
Seyfrid gab ihm zur Antwort: "Ich bin seit früh bereit!"
Die beiden kühnen Streiter Liefen hart einander an
Also mit schweren Schlägen Dort in dem finstren Tann.

79.

Bald von der beiden Stärke Ein solcher Streit geschah,
Daß man das wilde Feuer Auf ihren Helmen sah;
Wie gut der Schild gewesen, Den der Riese trug,
Herr Seyfrid gar behände Ihm den in Stücke schlug.

80.

Dem langen Riesen hatt er Die Wehr bald unterrannt
Und schnitt ihm von dem Leibe Sein gutes Stahlgewand.
Da stand mit Blut beronnen Der Riese Kuperan
Aus sechzehn tiefen Wunden, Die er von ihm empfan.

81.

Laut rief in seinen Nöten Der Riese Kuperan:
"O lasse mir mein Leben, Du edler, tapfrer Mann!
Du fichst mit ganzem Leibe In vollster Tapferkeit
Und bist ein edler Degen, Der niemals zagt im Streit.

82.

"Du stehst hier ganz alleine Und bist ein kleiner Mann,
Will ich mit dir mich messen, Der dich nicht zwingen kann,
Du sollst mich lassen leben, Dann geb ich selbst mich dir,
Und weiter sollst du haben Auch Brünn und Schwert von mir."

83.

"Gern will ich das erfüllen," Sprach drauf der werte Mann;
"Wenn ich durch dich gewinnen Die Maid vom Steine kann,
So schwör ich dir hier Treue." "Ohne Zweifel darfst du sein,
Ich schaffe dir vom Steine Das schöne Mägdelein."

84.

Da leistete von beiden Jedweder seinen Eid.
Herr Seyfrid hielt den seinen, Der Degen allezeit.
Also der Ungetreue Des Siegs verlustig ging,
Doch war ihm für sein Leben Der Vorteil sehr gering.
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