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SEYFRIDLIED
DAS LIED VOM HÜRNEN SEYFRID






Inhalt
V.
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Wie der Riese Seyfrid zweimal verriet


85.

Da spach Seyfrid der Degen, Der werte Ritter, mehr:
"Weiß Gott, Gesell, mich schmerzen Deine Wunden sehr."
Da rieß er sich vom Leibe Sein seiden Prachtgewand,
Damit dem Ungetreuen Die Wunden selbst verband.

86.

Da sprach der Ungetreue: "Dort liegt das Felsgestein,
Erfahr es traut Geselle; Wo mag die Türe sein?
Das wollen wir beschauen, Du edler, tapfrer Mann.
Was wir getan einander, Vergessen sei's fortan."

87.

Sie kamen miteinander Vor eines Wassers Lauf.
Schnell hob der Ungetreue Die Eisenstange auf,
Und als der kühne Seyfrid Ging vor ihm in den Wald,
Da sprang der Ungetreue Auf Seyfrid los alsbald.

88.

Er gab Seyfrid dem Helden Einen ungefügen Schlag,
Daß unter seinem Schilde Der edle Ritter lag,
Nicht anders anzuschauen, Als ob er wäre tot;
Schnell aus Mund und Nase Schoß ihm das Blut so rot.

89.

Als so der edle Seyfrid Lag unterm Schildesrand,
Da war das Zwergelein Eugel Gleich helfend bei der Hand.
Er nahm eine Nebelkappe Und warf sie über ihn,
Dem grimmen Blick des Riesen Den Degen zu entziehn.

90.

Der lief hin nach den Bäumen Und suchte den werten Mann:
"Hat dich entführt der Teufel Oder hat es Gott getan,
An dir getan ein Zeichen? Erst standest du doch hier,
Ich streckte dich zu Boden Und nun entweichst du mir?"

91.

Des Riesen Rede hörte Das Zwerglein lachend an,
Es richtet auf den Degen Und setzt ihn auf den Plan,
Da saß eine gute Weile Der auserwählte Mann,
Bis daß der kühne Degen Neue Lebenskraft gewann.

92.

Als wieder zu sich selber Der edle Seyfrid kam,
Da sah er bei sich sitzen Das Zwerglein wonnesam.
"Nun lohn dir Gott," sprach Seyfrid, "Du wunderkleiner Mann,
Ich kann nicht anders sagen, Du hast mir wohl getan."

93.

Da sprach das Zwerglein Eugel: "Das mußt du doch gestehn,
Dir wär ohne meine Hilfe Viel schlimmer noch geschehn.
Du sollst dich ganz entschlagen Der Maid, hörst du auf mich,
Und unterm Schutz der Kappe Entziehn dem Riesen dich."

94.

Da sprach der kühne Seyfrid: "Nein, das soll niemals sein,
Und hätt ich tausend Leben, Ich setzte sie alle ein
Bei meiner Treue sag ich's Hier um die schöne Maid.
Noch einmal sei versucht es, Ob mir's zum Heil gedeiht."

95.

Wie er so unerschrocken Die Kappe von sich warf!
Das Schwert mit beiden Händen Hieb er acht Wunden scharf
Dem ungefügen Manne Und rief zur Maid empor.
Kuperan von seinen Schlägen Das Leben fast verlor.

96.

"Mit allen Leibeskräften Hast du den Kampf gewagt,
Doch seh ich ganz allein dich, Du Degen unverzagt.
Und schlägst du mich zu Tode, Du auserwählter Mann,
So ist auf Erden niemand, Der zu der Jungfrau kann."

97.

Darob Seyfrid der Degen In Gedanken schwer versank,
Das kam von großer Liebe, Die ihn zum Mägdlein zwang.
Er mußte leben lassen Den ungetreuen Mann.
Er sprach: "Zieh deiner Straßen, Doch schreite mir voran

98.

"Und weise mich auch balde Zur Maid, zur Herrin mein,
Sonst schlag ich dir das Haupt ab, Und fiele die Welt drum ein."
Da mußte der Ungetreue Nachtun in seiner Not
Des jungen Helden Seyfrid, Des Ritters, Machtgebot.

99.

Sie gingen miteinander Zum Drachenstein heran,
Den Schlüssel nahm zu Händen Der ungetreue Mann.
Der Stein ward aufgeschlossen, Daß er unten offen stand;
Acht Klafter unter der Erde Versteckt die Tür man fand.

100.

Und als der Stein erschlossen Und unter aufgetan,
Wie bald hielt fest den Schlüssel Seyfrid, der kühne Mann!
Er hat ihn aus dem Schlosse Gerissen mit Gewalt.
Er sprach: "Zieh deine Straße Und geh voran mir bald!".

101.

Sie wurden beide müde, Eh sie kamen auf den Stein.
Als Seyfrid sah vor Augen Das schöne Mägdelein,
Da hub sie an zu weinen Und rief in Tränen aus:
"Dich hab ich schon gesehen In meines Vaters Haus.

102.

"Sei mir willkommen, Seyfrid, Herr und Gebieter mein!
Wie geht es Vater und Mutter In Worms wohl an dem Rhein
Und meinen lieben Brüdern, Den Kön'gen reich an Preis?
Sag's mir bei deiner Treue, Damit ich's endlich weiß."

103.

Da sprach Seyfrid der Degen: "Schweig, laß das Weinen sein,
Du sollst mit mir von hinnen, Du Jungfrua, schön und rein.
Denn bald will ich dir helfen Aus dieser großen Not,
Wenn nicht, so will ich lieber Hier selber liegen tot."

104.

"Nun, Seyfrid, Gott dir's lohne, Du Ritter ausersehn!
Jedoch mir bangt, du könntest Den Drachen nicht bestehn.
Es ist der schlimmste Teufel, Den jemals ich gesehn,
Und wirst du sein ansichtig, So mußt du's selbst gestehn."

105.

Da sprach der kühne Seyfrid: "Mag er auch scheußlich sein,
Ich will nicht gern verlieren Die großen Mühen mein.
Schwer hab ich streiten müssen Mit dem ungefügen Mann,
Und wär's der Teufel selber, Ich griff ihn dennoch an."

106.

"Nun lohn es Gott dir, Seyfrid, Des Kampfes Not und Pein
Hast du um mich erlitten, Gewagt um mich allein,
Und hilf mir Gott zur Heimat, Des sollst du sicher sein,
Vertrau auf meine Treue, Kein andrer Mann wird mein."

107.

Da trat hervor zum Steine Der Riese Kuperan,
Er sprach: "Hier ist verborgen Ein Schwert gar wohlgetan,
Damit ein edler Ritter Den Drachen niederringt,
Sonst ist kein Stahl auf Erden, Der ihn besiegt und zwingt."

108.

Was er da sprach vom Schwerte, Volle Wahrheit war daran.
Seyfrid nicht klug sich wahrte Vor dem ungetreuen Mann:
Da schlug der starke Riese Im eine Wunde schwer,
Daß kaum mit einem Beine Er stand auf dem Steine mehr.

109.

Seyfrid ergriff den Riesen, Sich hub ein Ringen schwer,
Der Drachenstein erbebte; Die Maid erschrak gar sehr.
Sie weint und wand die Hände, Das zarte Jungfräulein,
Sie rief: "Gott, deine Hilfe Wolle du dem rechten leihn!

110.

"Sollst du um meinetwillen Den Leib verlieren hier,
So muß der Kummer nagen Stets am Herzen mir,
So will ich mich verfallen Aus dieser großen Not
Von diesem hohen Steine, Daß mich befreit der Tod.

111.

"Darum, du kühner Seyfrid, Bewahre deinen Leib
Und denk an deine Kampfnot Und an mich armes Weib!"
Da sprach Seyfrid der Degen: "Du Mägdlein, schön und hehr,
Ich will mich schon bewahren, Sorg dich um mich nicht mehr."

112.

Sie rangen miteinander; Das sah das schöne Weib.
Der Ungetreue musste Verlieren Leben und Leib.
Seyfrid griff in die Wunden Dem ungefügen Mann
Und riß sie auseinander, Daß ihm die Kraft zerrann.

113.

Da begann er hinzusinken Vor Seyfrid auf den Plan:
"Du sollst mich leben lassen, Du kraftgewaltger Mann!
Mit Ernst will ich dich bitten, Du Ritter unverzagt!
Ich ward dir dreimal treulos, Stets sei es Gott geklagt."

114.

Da sprach Seyfrid der Degen: "Dein Reden hilft dir nicht,
Da ich mit Augen schaute Des Mägdlein Angesicht."
Er nahm ihn bei den Armen Und warf ihn von dem Stein:
Er fiel in tausend Stücken; Des lachte das Mägdelein.



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