Historisches
Einführung
Waltarilied
Nibelungenlied
Rosengartenlied
Zwölfkampf
Seyfridlied
Suche:






SEYFRIDLIED
DAS LIED VOM HÜRNEN SEYFRID






Inhalt
VI.
Weiter

Wie der Wurm gefahren kam
und Niblungs Söhne den Hort aus dem Berge trugen.


115.

Als nun der kühne Seyfrid Den Sieg erkämpft im Streit,
Da trat er wohlerzogen Hin vor die schöne Maid:
"Du schönste aller Frauen, Laß nun dein Weinen sein,
Ich bin jetzund gerettet Durch dich, hold Mägdelein.

116.

"Nun helf ich dir in Bälde Aus dieser großen Not,
sonst will ich, mir vertraue, Vor dir hier liegen tot."
"Nun lohn es Gott dir, Seyfrid, Du unverzagter Mann,
Mir bangt bei meiner Treue, Viel Weh kommt uns noch an."

117.

Da sprach der kühne Seyfrid: "Naht uns noch Not und Pein,
So soll's von ganzem Herzen Für immer Leid mir sein.
Bin ich doch nun gewesen Bis an den vierten Tag
Ohn Essen und ohne Trinken Und keiner Ruhe pflag."

118.

Erschrocken hörten beide, Die edle Jungfrau dort
Und Eugel das Gezwerge, Seyfrids mißmutig Wort.
Der Zwerg sprach schnell zu Seyfrid: "Ich trag euch gute Speis
Her nach dem hohlen Steine, Die beste, die ich weiß.

119.

"Für vierzehn Tage bring ich Euch Speis und Trank genug."
Her aus dem hohlen Berge Er ihm das Essen trug,
Ihm dienten da bei Tische Viel gute Zwergelein,
Auch nahm sich an mit Fleiße Seyfrids das Jungfräulein.

120.

Doch eh sie gegessen, Vernahm man lauten Schall,
Als ob das Hochgebirge Herniederbräche zutal.
Darob erschrak gewaltig Das schöne Mägdelein;
Sie sprach: "Ach, lieber Herre, Jetzt wird's eur Ende sein.

121.

"Und stünd auch zu Gebote Uns zwein die ganze Welt,
Wir wären doch verloren, Das wisse, kühner Held."
Da sprach der kühne Seyfrid: "Wer nähm uns wohl das eben,
Das Gott in seiner Güte Auf Erden uns gegeben?"

122.

Der Maid, der minniglichen, Der war von Ängsten heiß;
Mit seinem Seidenkleide Wischt er ihr ab den Schweiß
Und sprach: "Du sollst nicht trauern, Dieweil ich bei dir bin."
Die Zwerge, die ihm dienten Bei Tische, flohn dahin.

123.

Als im Gepräche waren Die Herzelieben zwei,
Da fuhr von dreien Meilen Der böse Drach herbei.
Das sah man an dem Feuer, Das stieß sein Rachen aus:
Wohl dreier Spieße Länge Loht ihm die Glut voraus.

124.

Das kam, weil ihn verwandelt In Teufels Art ein Fluch,
Darum er einen Teufel Auch immer bei sich trug
Als einen Feuerdrachen; Doch war es nicht zur Pein
einer Seel und seiner Sinnen: Die mußten willig sein.

125.

Er trug vernünftig Wesen Ganz nach der Menschen Art
Einen Tag dazu fünf Jahre, Bis er zum Menschen ward,
Zum allerschönsten Jüngling, Wie man nicht oft ihn sucht.
Von Bulschaft war's gekommen: Ihn hatt ein Weib verflucht.

126.

Der Drach um ihre Schöne Gar menschlich hielt die Maid,
Weil er sie haben wollte Nach dieser Jahre Zeit.
Die Zeit wollt er sie halten, Dieweil er Drache wär,
Dann sollte sie sein werdn, Sonst geschäh es nimmermehr.

127.

Und da ihm nun Held Seyfrid Die Jungfrau nehmen wollt,
Die er gespeit so lange Und sie zu Worms geholt,
Darum kam er so grimmig Hin an den Stein gefahren;
Mit Glut wollt er verbrennen, Die auf dem Steine waren.

128.

Das Mägdlein war voll Sorge; Seyfrid den Rat sie gab,
Sie wollten beide flüchten, Daß er sie nicht hinab
Im Flug vom Steine stieße, In eine Höhl hinein,
Die unterm Drachensteine Ging tief in das Gestein,

129.

Sich vor dem Wurm zu fristen Und seinem Feuerhauch.
Er kam daher mit Feuer, Nach Teufels Prunk und Brauch
Kam er zum Stein gefahren: Der Stein erbebte hart,
Niemals, solang die Welt stand, Er so erschüttert ward.

130.

Seyfrid hatt mitgenommen Das Schwert, das Kuperan
Voll Tück ihm hat gewiesen, Als er ihn zu morden sann:
Seyfrid sich bücken sollte Zum Schwert zum Abgrund hin,
Ihn dann hinabzustoßen Dacht er in seinem Sinn.

131.

Seyfrid mit diesem Schwerte Vor aus der Höhle sprang,
Mit großen grimmen Schlägen Er auf den Drachen drang.
Der Wurm mit seinen Klauen Seyfrid den Schild entwand;
Seyfrid vor großen Ängsten In Schweiß gebadet stand.

132.

Der Stein ward allenthalben Bedeckt mit heißer Glut;
Wie wenn ein glühend Eisen Man aus der Esse tut,
So ließ der grause Drache Die große Glut erstehn
Und immer über Seyfrid Höllenglut ergehn.

133.

Sie übten auf dem Steine Und auf dem hohlen Berg
So ungestümes Streiten, Daß mancher wilde Zwerg
Hinauslief ais dem Walde: Ihnen bangt in dieser Not,
Der Felsen bräch zusammen Und schlüg sie alle tot.

134.

Von Niblungs Söhnen waren Zwei in dem Berge dort,
Es waren Eugels Brüder, Die hüteten den Hort
Von ihren Vater Niblung. Als also wankt ihr haus,
Da ließen beide tragen Des Vaters Schatz hinaus

135.

Nach einer großen Höhle Dort in der Felsenwand
Tief unten in dem Steine. Seyfrid ihn später fand,
Wie ihr sollt nachher hören. Nur Eugelein der Zwerg
Wußt nicht, daß sie geflüchtet Und leer gemacht den Berg.

136.

Und daß sie in der Höhle Versteckt des VAters Hort:
In Sorgen vor dem Wurme War er geblieben dort.
Sie mußten alle fürchten, Wenn Seyfrid käm in Not,
So fänden alle Zwerge Vom Drachen ihren Tod,

137.

Und auch das schöne Mägdlein Müßte dann verloren sein.
Der Wurm schon lange wusste Steg und Versteck im Stein:
Wenn er sich kühlen wollte, So lag er vor der Tür,
Dieweil sielag in Schlummer. Nicht blieb er lang von ihr,

138.

Nur wenn er Speise holte. War es dann Winterszeit,
So saß er unterm Steine Wohl fünfzig Klafter weit
Und er lag vor der Höhle Und hielt die Kält ihr fern.
Wir müssen neu beginnen, Hört ihr's zu Ende gern.

139.

Der Berg stand wie in Flammen: Da mußte der kühne Mann
Die große Hitze fliehen, Die ihm der Wurm tat an,
Denn immer von ihm fuhren Die Flammen blau und rot;
Sich vor der Glut zu bergen Tat ihm wahrhaftig not.

140.

Das Jungfräulein und Seyfrid Flohn in den Berg hinein,
Bis daß der Drach abließe, So heiße Glut zu spein.
Er trat um einen Vorsprung Und kam so an den Schatz.
Er meint, der Drach hätt ihn Gesammelt auf den Platz.

141.

Kaum achtet er des Schatzes. Da sprach das Mägdelein:
"Seyfrid, viel elder Herre, Nun naht erst große Pein.
Mit sechzig Jungen kam er, Die giftgeschwollen sind;
Sind die noch auf dem Steine, Eure Kraft in nichts zerrinnt."

142.

"Nicht doch, ich hörte immer," Sprach Seyfrid unverzagt,
"Wer baut auf Gott, dem hat er Seine Hilfe nie versagt.
Auch wenn wir sterben müssen, Du edles Mägdelein,
Sollst du in diesen Nöten Von mir behütet sein."


Inhalt
Weiter